Zu Gast in aller Herren Häuser

Geschichte von Petermax Lison


Ich wollte `raus! `Raus aus der Schule und endlich etwas Praktisches tun, etwas neues Kennenlernen! Meine Eltern! Sie unternahmen nichts, um mich davon abzubringen. Überließen aber mir die Initiative, Alternativen zum Abi zu finden. Wahrscheinlich mit der leisen Hoffnung, meine Bemühungen würden im Sande verlaufen und ich würde mich wieder der akademischen Lösung zuwenden.

Ich fragte meine Cousine und ihren Freund, die beide Schornsteinfeger sind, nach der Möglichkeit eines Praktikumsplatzes in den Ferien. Zum Glück, und das bringt dieser Beruf laut Volksmund ja mit sich, ist mein Onkel auch Schornsteinfegermeister, also kurz angefragt und einen Platz bekommen!

So ging ich eine Woche mit auf Tour um mir über den Dächern einen Eindruck zu verschaffen und ein Gefühl für meinen Berufswunsch zu bekommen.Ich war so angetan, das ich mich zur zentralen Aufnahmeprüfung in der Schornsteinfegerinnung anmeldete und was soll ich sagen: als Zweitbester nahm mich mein Onkel selbst in die Lehre!
Tja, und nun gehe ich seit gut zwei Monaten mit in die Wohnungen oder steige den Leuten auf’s Dach.

Wir wissen nie, was uns erwartet

In unserem Bezirk stehen einige höhere Häuser, von deren Dächern ich meinen Blick über Hannover schweifen lasse wenn die Zeit vor dem Abstieg bleibt! Aber das Allerbeste sind die Besuche in den Wohnungen unter den Dächern, da in unserem Kehrbezirk Menschen aus den verschiedensten Kulturen leben. So werden wir Schornsteinfeger immer unterschiedlich empfangen und wissen nie genau, was uns erwartet.

Die meisten bieten uns erst einmal einen Kaffee an, was ich super finde, denn was gibt es morgens schöneres als eine (meistens) gute Tasse Kaffee? Na gut, nach dem 5. oder 6. fängt es an auf die Blase zu schlagen und nach dem 10. fange ich an zu überlegen, ob man von zu viel Kaffee irgendwann Folgeschäden davon trägt. Schornsteinfegerschwärze sozusagen.

Rührend und traurig zugleich sind auch die Empfänge bei älteren Menschen. Dort gibt es natürlich auch immer Kaffee oder manchmal sogar eine Tafel Schokolade zur Begrüßung! Sie freuen sich richtig auf uns damit sie endlich jemanden zum Unterhalten haben. Omi’s und Opi’s haben aus Ihrem Leben so viel interessantes zu erzählen und können oft kein Ende finden. Ob es von ihrem früheren Leben als Lastwagenfahrer, Soldat, Arzt, Polizist oder anderen erlebnisreichen Berufen handelt, alles wird ausführlich bis ins Detail erzählt. Man merkt, wie sehr sie sich nach ein wenig Unterhaltung sehnen und dann frage ich mich, wer sich wohl mit mir unterhält, wenn ich mal alt bin? Werde ich auch auf den Schornsteinfeger warten? Eine soziale Komponente unseres Berufes, die nicht immer leicht zu erfüllen ist bei unserem straffen Arbeitsplan!

Gerne auch mal skurril

Aber es gibt auch reichlich skurrile Begegnungen. Neulich waren wir bei einem anscheinend sehr religiösen Menschen. Dieser empfing uns natürlich freundlich mit einem Tee. Dann fing er an uns von dem Weltuntergang zu erzählen (der ja nun am 21. Dezember ansteht). Gott sei im Begriff, die Menschen zu sortieren und so weiter. Nun meinte er aber, dass ausgerechnet wir unbedingt gerettet werden müssten und hielt uns einen wahren Vortrag, wie einfach und toll es doch sei, sich seinem Glauben zu zuwenden. Als wir dann unsere Arbeit beendet hatten und der Kunde seine Überzeugungsversuche einstellte, bekamen wir noch einen Riesenstapel Bücher und CDs, die uns helfen sollten den Weltuntergang nicht unbewehrt zu überstehen. Da wir uns aber der Gefahr todesmutig und unvorbereitet nicht alleine stellen wollten, landeten die lebensrettenden Dokumente auf dem Schreibtisch unseres Chefs, der ja verantwortlich für alle Wichtigkeiten ist.

Oder vorletzte Woche! Da waren wir zur Überprüfung einer Ölheizung in einer russischen Autowerkstatt. Alle Achtung, sie hatten ein riesiges Sortiment an Werkzeugen, benutzten aber anscheinend überwiegend das gute, alte Panzertape und Kabelbinder. Vom Zustand der Heizung, geschweige denn der Brennstofflagerung werde ich an dieser Stelle nicht viel sagen, denn, wie der Chef uns versicherte : „Der Chreizung läuft doch“. Naja, hier werden wir noch öfter vorbei schauen.

Dies sind nur einige Beispiele von interessanten Kulturen und Lebensweisen die man als Schornsteinfeger kennen lernen kann. Es gibt noch bestimmt 1000 Kunden, von denen ich jeden Tag berichten könnte. Einfach ein Traumjob mit Aussicht!